Jacob Picards Erinnerungen an die alemannischen Landjuden
Der Jurist und Schriftsteller Jacob Picard (1883–1967) entstammt einer jüdischen Familie, die seit spätestens 1760 in Wangen am unteren Bodensee ansässig war. In seiner Kindheit lernte er noch das Leben intakter jüdischer Gemeinden in wechselseitiger Achtung von Christen und Juden kennen. Dieses Leben machte er 1933, als ihm die Ausübung seines Anwaltsberufs verboten wurde, zum Gegenstand von Erzählungen, die 1936 unter dem Titel „Der Gezeichnete” in der von den Nationalsozialisten lizensierten „Jüdischen Buchvereinigung Berlin” erschienen. Sie fanden in der jüdischen Presse große Beachtung, weil sie erstmals ein Bild des bis dahin kaum wahrgenommenen oberschwäbischen Landjudentums entfalteten.Der Germanist Prof. Dr. Helmuth Kiesel (Heidelberg) hat zuletzt unter dem Titel „Schreiben in finsteren Zeiten” eine monumentale Gesamtdarstellung der deutschsprachigen Literatur in der Zeit des Nationalsozialismus veröffentlicht. In seinem Vortrag würdigt er das erzählerische Verfahren Picards und sein Bild des oberschwäbischen Landjudentums. Zugleich fragt er, welche Botschaft Picard dem Publikum des Jahres 1936 mit seinen durchaus nostalgischen Geschichten aus dem 19. Jahrhundert zukommen lassen wollte.