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Seine - Von der Quelle bis zur Mündung - Reisen mit dem Wohnmobil

5 (4) Von manchen Flüssen hat man eine bestimmte Vorstellung, noch bevor man sie je gesehen hat. Die Seine gehört für die meisten von uns genau in diese Kategorie: das gemächliche Dahingleiten unter den Brücken von Paris, die Uferpromenaden, auf denen sich Flaneure, Bouquinisten und Touristenströme begegnen, und die Bilder der Impressionisten, die das unverwechselbare Licht des Flusses eingefangen haben. Doch Paris ist nur eine Station auf der viel längeren Reise der Seine. Bevor die Seine die Hauptstadt erreicht, hat sie bereits mehrere hundert Kilometer durch das ländliche Burgund und die Champagne zurückgelegt. Und auch nach Paris fließt sie noch fast ebenso lange weiter: vorbei an Kreidefelsen, Klosterruinen und Hafenstädten, bis sie schließlich bei Le Havre in den Ärmelkanal mündet. Wer sich die Seine in Paris – breit, träge und von Steinquais gesäumt – vorstellt, wird an ihrem Ursprung überrascht sein. In einem kleinen bewaldeten Tal bei der Gemeinde Source-Seine, nordwestlich von Dijon im Burgund, tritt das Wasser aus mehreren kleinen, feuchten Mulden im Boden zutage. Schon die Kelten verehrten diesen Ort: Sequana, die Flussgöttin, soll hier ihren Sitz gehabt haben. Bis heute erinnert eine kleine Grotte mit ihrer Statue an diesen Ursprungsmythos. Es ist ein stiller, eher unscheinbarer Ort, an dem ein Fluss seinen Anfang nimmt, der einmal die Hauptstadt von Frankreich prägen wird. Von der Quelle aus schlängelt sich die Seine zunächst als schmaler Bach durch das Hügelland des Burgunds, sammelt unterwegs das Wasser zahlreicher Nebenflüsse und wird dabei nach und nach zu einem breiten Strom. Sie durchquert die Champagne, streift Troyes und nähert sich schließlich der Île-de-France, wo sie sich durch das Herz der französischen Hauptstadt windet. Vorbei an Notre-Dame, dem Louvre und dem Eiffelturm und unter zahllosen historischen Brücken hindurch ist dieser Abschnitt zweifellos der bekannteste, aber eben nur einer von vielen. Hinter Paris beginnt der landschaftlich vielleicht eindrucksvollste, aber weniger touristisch erschlossene Teil der Reise: die Normandie. Hier zieht der Fluss in großen Schleifen durch Kalksteinlandschaften und vorbei an Orten wie Giverny, wo Monet einst lebte und malte. Weiter geht es nach Rouen mit seiner markanten Kathedrale, bevor die Reise schließlich an der Küste endet. Die Seine entspringt rund vierzig Kilometer nordwestlich von Dijon. Der Ort ist leise, unscheinbar, fast ein wenig geheimnisvoll. Er liegt mitten im Wald der Hochebene von Langres. Von diesem bescheidenen Ursprung bis zur Mündung bei Le Havre legt die Seine über 770 Kilometer zurück – eine lange Reise für eine Rinnsal, das ich an dieser Stelle beinahe übersehen habe. In der kleinen Gemeinde Source-Seine, auf einer Höhe von etwa 446 Metern, tritt das Wasser zum ersten Mal ans Licht. Die Hochebene von Langres ist ein wahres Quellenwunder Frankreichs: Hier entspringen nicht nur die Seine, sondern auch Flüsse wie die Marne und die Aube, ganz in der Nähe voneinander, aber auf dem Weg zu völlig unterschiedlichen Zielen. Das Areal rund um die Hauptquelle wurde bereits 1864 von der Stadt Paris erworben. Bis heute gehört dieses kleine Stück Burgund offiziell zur Hauptstadt und ist so eine Art fernes Arrondissement. Unter Napoleon III. ließ man eine romantische Grotte errichten, die dem Ort seinen heutigen, leicht theatralischen Charakter verleiht. In ihr befindet sich die Statue einer Nymphe aus weißem Stein, die den Fluss symbolisiert. Als ich an der Quelle stehe, sehe ich, wie Besucher Münzen ins Wasser werfen. Diese Tradition besteht seit weit über hundert Jahren und entspringt vermutlich der uralten Vorstellung, dass dieser Ort eine heilende Wirkung hat. Diese Vorstellung ist tatsächlich sehr alt. Schon die Kelten und später die Römer verehrten an dieser Stelle die Flussgöttin Sequana, nach der die Seine benannt ist. Menschen pilgerten zu diesem Heiligtum, um die Sequana um Heilung zu bitten und ihr Opfergaben darzubringen. Bei Ausgrabungen wurden über tausend solcher Votivgaben zutage gefördert, darunter aus Holz geschnitzte Gliedmaßen, Augen aus Bronzeblech und steinerne Figuren. Ich stehe an einem Ort, der kaum größer ist als ein Vorgarten, und weiß, dass von hier aus ein Fluss seinen Lauf durch halb Frankreich nimmt. Er zieht an Kathedralen und Schlössern vorbei und mündet schließlich in den Ärmelkanal. Die Stille des Waldes, das leise Plätschern des Wassers und die jahrtausendealte Geschichte der Verehrung machen die Quelle der Seine zu einem der stimmungsvollsten Orte. Ich nehme mir einen Moment Zeit und geniesse die Stille, bevor ich entlang der Seine die Reise beginne. Von der Quelle aus sammelt die junge Seine nach und nach immer mehr Wasser der umliegenden Bäche und Rinnsale, während sie durch ein sanft gewelltes Hügelland aus Wiesen, Wäldern und Kalksteinplateaus fließt. Nach wenigen Kilometern erreichte ich Saint-Seine-l’Abbaye. Die heutige Gemeinde entstand über Jahrhunderte um ein im 6. Jahrhundert gegründetes Benediktinerkloster – eines der ältesten Burgunds. Die imposante Abteikirche, die nach einem Brand im 14. Jahrhundert teilweise wiederaufgebaut wurde, prägt bis heute das Ortsbild. Äußerlich inzwischen eher schlicht, sind doch die Fresken im Inneren der Kirche äußerst sehenswert und erzählen die klösterliche Geschichte des Ortes. Von hier aus schlängelt sich die Seine weiter nach Norden durch ein immer schmaler werdendes Tal. Am Ufer liegen kleine Dörfer, die von Weidewirtschaft und den für die Kalklandschaften der Côte-d’Or typischen Trockenwiesen umgeben sind. Die hübschen Kühe sehen beim Grasen oder Wiederkäuen verwundert auf, denn normalerweise kommen hier keine Fremden vorbei. Die ganze Gegend ist touristisch vollkommen unerschlossen. Und genau das macht den Reiz dieses Streckenabschnitts aus. Noch bis Châtillon-sur-Seine fahre ich allein und einsam die kleinen Straßen der Seine entlang. Wer das karge, ursprüngliche Frankreich sucht, wird es hier finden! Die Fahrt durch dieses Tal hat etwas Meditatives. Es gibt kaum Verkehr und keine großen Ortschaften, dafür immer wieder Ausblicke auf die Seine, die mit jedem Kilometer breiter und kräftiger wird. Wer an die Seine denkt, denkt an Paris. Hier, in diesem stillen Abschnitt Burgunds, zeigt sie jedoch ein ganz anderes, ruhigeres und stilleres Gesicht. Nach gut 50 Kilometern erreiche ich Châtillon-sur-Seine, die erste „richtige” Stadt am Flusslauf und ein lohnendes erstes Etappenziel. Die Stadt verdankt ihre historische Bedeutung nicht zuletzt dem Wasser: Am Fuße des Felsens, auf dem die Kirche Saint-Vorles thront, entspringt die Douix, eine der stärksten Karstquellen Frankreichs. Im Schnitt schüttet sie rund 600 Liter Wasser pro Sekunde aus einem verzweigten, über 180 Meter langen Höhlensystem. Nach starken Regenfällen kann diese Menge auf bis zu 3.000 Liter pro Sekunde ansteigen. Das grünlich schimmernde Wasser der Douix vereinigt sich bereits nach rund 70 Metern mit der Seine und macht sie an dieser Stelle zu einem echten Fluss. Der kleine Park rund um die Quelle mit seinem herrlichen alten Baumbestand und dem Blick hinauf zur Kirche gehört für mich zu den stimmungsvollsten Orten der Stadt. Die hoch über der Douix gelegene Kirche Saint-Vorles selbst stammt in ihrem Kern aus dem frühen 11. Jahrhundert und zählt zu den ältesten romanischen Bauwerken der Region. Sie stammt aus einer Zeit, in der das Burgund zu einem der wichtigsten religiösen Zentren Europas wurde. Schon der Weg hinauf zur Kirche lohnt sich. Und … 99 Stufen sind keine Kleinigkeit! Die historische Umgebung, die alten Mauern und die Aussicht über Châtillon vermitteln einen guten Eindruck von der mittelalterlichen Bedeutung des Ortes. Hinter Châtillon-sur-Seine verändert sich der Charakter der Reise spürbar. Die Seine hat inzwischen genug Wasser gesammelt, um als echter Fluss zu gelten, und das Tal, durch das sie fließt, wird offener, weiter und fruchtbarer. Ich verlasse das Burgund der Kalksteinwälder und tauche in die Côte des Bar ein, den südlichsten Zipfel der Champagne, bevor ich schließlich in Troyes ankomme, der ehemaligen Hauptstadt eines der größten Handelsimperien des mittelalterlichen Europas. Die Fahrt durch diese Gegend hat einen ganz eigenen Rhythmus: Es gibt wenig Wald, dafür aber umso mehr das gleichmäßige Grün der Rebzeilen, das nur in den kleinen Winzerorten unterbrochen wird. Die Dörfer werden zunehmend hübscher und die Kultur dieser Weingegend macht sich bemerkbar. Inzwischen befinde ich mich im südlichsten Weinbaugebiet der Champagne, zwischen Bar-sur-Seine und Bar-sur-Aube. Es zählt zum UNESCO-Welterbe der Champagne-Landschaften. Hier wohnt man direkt am Fluss, umgeben von sanft gewellten Hügeln. Nur wenige Kilometer abseits der Seine liegt das kleine Dorf Essoyes. Hier verbrachte Auguste Renoir drei Jahrzehnte seiner Sommer, heiratete und wurde schließlich auch hier begraben. Essoyes ist ein lohnender kleiner Abstecher für alle, die sich für die Verbindung von Landschaft und Malerei interessieren – auch wenn der Ort selbst nicht direkt an der Seine liegt. Die Etappe von Châtillon-sur-Seine nach Troyes zeigt einen ganz anderen Fluss als die stillen Kilometer ab der Quelle. Hier wird die Seine zur Lebensader einer Kulturlandschaft, die von keltischen Fürstengräbern über Templerorte und Winzerdörfer bis zu einer mittelalterlichen Handelsmetropole reicht. Wer diesen Abschnitt bereist, erlebt, wie eng Landschaft, Wein und Geschichte hier miteinander verwoben sind – und ich komme in Troyes an einem Ort an, der, anders als das beschauliche Châtillon, bereits die Bedeutung erahnen lässt, die der Fluss weiter flussabwärts in Paris erreichen wird. Nach insgesamt gut 100 Kilometern entlang der Seine erreiche ich Troyes, die historische Hauptstadt der Champagne. Das Stadtbild wird von zahllosen bunten Fachwerkhäusern geprägt, deren obere Stockwerke sich in manchen Gassen so weit vorwölben, dass sie sich fast berühren. Am eindrucksvollsten ist dies in der schmalen „Ruelle des Chats” zu sehen. Die Gasse hat ihren Namen deshalb erhalten, weil die Katzen von Dach zu Dach springen konnten. Von den insgesamt neun denkmalgeschützten Kirchen der Stadt ragt die Kathedrale Saint-Pierre-et-Saint-Paul besonders heraus. Sie beeindruckt mit Glasfenstern, die die Entwicklung der Glasmalerei vom 13. bis ins 19. Jahrhundert widerspiegeln. Ich liebe es, in Frankreich in einem kleinen Straßencafé zu sitzen, umgeben von wunderschönen, alten Fachwerkhäusern und alten Platanen. Ganz in Ruhe beobachte ich dann das Leben um mich herum. Menschen gehen vorbei, unterhalten sich, lachen, begrüßen einander oder verschwinden wieder in den schmalen Gassen. Während ich meinen Kaffee oder einen Pastis genieße, wird die Umgebung zu einer kleinen Bühne des Alltags. In solchen Momenten fühlt sich Frankreich nicht nur wie ein Ort, sondern wie eine besondere Art zu leben an: genussvoll und ganz im Hier und Jetzt. Nach Troyes verändert sich die Reise ein weiteres Mal. Rund 190 Flusskilometer liegen jetzt noch zwischen der Champagne-Metropole und Paris. Die Seine verlässt das Weinland der Aube, durchquert die Kornkammern der südlichen Champagne, streift die Ausläufer des Waldes von Fontainebleau und wird, Kilometer für Kilometer, zu jenem breiten, ruhigen Strom, der schließlich in Paris unter der Pont Neuf hindurchfließt. Flussabwärts erreiche ich Nogent-sur-Seine. Die Kleinstadt kündigt sich bereits von weitem an: Die riesigen Kühltürme des Kernkraftwerks Nogent ragen über der Flusslandschaft empor. Mein Übernachtungsplatz liegt genau auf der gegenüberliegenden Seite der Seine gegenüber dem Kraftwerk. Und so starte ich am nächsten Morgen “aufgeladen und voller Energie” in den Tag! Nogent-sur-Seine ist ein ausgesprochen angenehmes Städtchen. Am Samstag findet am Ufer der Seine ein Bauernmarkt statt und die Cafés laden mit einem Espresso, einem Pastis oder einem Cinzano zum Verweilen ein. Wer heute durch Nordfrankreich, Belgien oder Luxemburg fährt, dem begegnen sie beinah beiläufig am Straßenrand: kleine, etwa einen Meter hohe Steine mit einer eigenwilligen roten Flamme. Wer nicht weiß, was sie bedeuten, fährt achtlos vorbei. Dabei erzählen diese unscheinbaren Markierungen eine der eindrücklichsten Geschichten Europas: die Geschichte der Befreiung Frankreichs im Sommer und Herbst 1944. Zusammen bilden sie die „Voie de la Liberté”, die „Straße der Freiheit”, eine der längsten Gedenkrouten des Kontinents. Im Abstand von einem Kilometer stehen sie am Straßenrand. Die Route der Befreiung folgte zum Teil dem Verlauf der Seine in Nogent-sur-Seine. Die Route folgt exakt dem historischen Vormarschweg der 3. US-Armee ab dem Utah Beach, wo amerikanische Truppen am Morgen des 6. Juni 1944 landeten. Von dort schlängelt sich die Voie de la Liberté über 1 146 Kilometer durch das nördliche Frankreich und Luxemburg bis nach Bastogne. Am Fuß des Mardasson-Hügels, nur wenige Schritte vom dortigen Gedenkmemorial entfernt, steht die letzte Borne mit der Nummer 1.147. Ich habe Zeit, und so plane ich von Nogent-sur-Seine aus einen kleinen Umweg nach Provins ein. Die Stadt liegt nicht direkt an der Seine, sondern am Flüsschen Voulzie. Doch historisch gehört sie untrennbar zur gleichen Geschichte, die schon in Troyes begann. Ab dem 11. Jahrhundert war Provins neben Troyes einer der wichtigsten Schauplätze der berühmten Champagne-Messen. Diese großen Handelstreffen verbanden Nordeuropa mit dem Mittelmeerraum und zogen Kaufleute, Bankiers und...

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