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DU862 – Friedrich Dürrenmatt

«Die Welt ist eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten ist.» Friedrich Dürrenmatts Sätze gingen um die Welt. Voller Esprit und Humor legen sie Misere und Ungerechtigkeit offen. Sein Willensvollstrecker, der Anwalt Peter Nobel, schreibt über die legendäre Václav-Havel-Rede Die Schweiz – ein Gefängnis: «Das war eine Bombe. Die Versammlung löste sich in grossem Missmut auf.» Dürrenmatt fand das lustig. Sein Interesse galt auch der Welt. Israel beschäftigte ihn, wie Sibylle Lewitscharoff darlegt. Die Naturwissenschaften inspirierten ihn zeitlebens, so Rudolf Käser. Dieses Jahr feiern wir das Année Dürrenmatt zum Anlass des 25. Todestages von Friedrich Dürrenmatt. Wir laden Sie ein, ihn neu zu entdecken. Wir feiern auch den 15. Geburtstag des Centre Dürrenmatt Neuchâtel, initiiert von Charlotte Kerr, seiner zweiten Ehefrau, gebaut von Mario Botta als Erweiterung des Privathauses und heute als Institution der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern geführt. Friedrich Dürrenmatt ist nicht nur ein Schweizer Kulturgut, er ist auch ein Weltkulturgut geworden. Boris Diop erzählt, wie der senegalesische Regisseur Diop Mambéty den Besuch der alten Dame für seinen Film Hyènes in ein senegalesisches Dorf verlegte. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie Peter Brook The Visit für den Broadway in New York adaptierte und Anja Nolte zum gleichen Stück einen Comic zeichnete, exklusiv für dieses Heft. Wir haben Zeitzeugen besucht, die ihn persönlich gekannt haben. Diogenes-Verleger Philipp Keel fotografierte ihn nur wenige Tage vor seinem Tod in seinem Haus in Neuchâtel. Er erzählt, wie besorgt Dürrenmatt über eine bevorstehende Weltreise war, für die er sich nicht gewappnet fühlte. Tochter Ruth Dürrenmatt berichtet, wie ihr der Vater Gruselgeschichten erzählte, Geister sah, mit diesen schimpfte, bis sie an sie glaubte. Lektorin Anna von Planta erinnert sich, wie er auf ihre Einwände zu Texten reagierte: zuerst oft mit einem lauten, unwilligen «Neeeei!» und dann, nach längeren Exkursen, mit einem langsamen «Ihr heit rächt» (Sie haben recht). Im Centre Dürrenmatt Neuchâtel trafen wir den Theaterregisseur Omar Porras und den iranischen Übersetzer Mahmoud Hosseini Zad. Der in Kolumbien geborene Porras vergleicht Friedrich Dürrenmatt mit Gabriel García Márquez, den Besuch der alten Dame mit Hundert Jahre Einsamkeit, Güllen mit Macondo – dieselbe Fantasie, Magie, Spiritualität. Hosseini Zad gefällt Dürrenmatts Stil: präzis, treffend, lakonisch, poetisch, melodiös. So sei es ihm möglich, den Richter und sein Henker im Persischen wiederzugeben. Friedrich Dürrenmatts Werk wurde in 44 Sprachen übersetzt. In Indien führte die Übersetzung der Panne ins Marathi zu einer Verfilmung und zur Gründung des Marathi-Kinos. Hörspiele, Fernsehinszenierungen und Kinofilme entstehen und machen sein Werk für ein breiteres Publikum zugänglich. Und dabei wollte Friedrich Dürrenmatt ja eigentlich Maler werden. Hin- und hergerissen zwischen Malerei und Schriftstellerei entschied er sich im Alter von 25 Jahren, Schriftsteller zu werden. Doch parallel zum Schreiben malte und zeichnete er sein ganzes Leben lang. Seine Zeichnungen seien nicht Nebenarbeiten, sondern Schlachtfelder, auf denen sich seine schriftstellerischen Kämpfe abspielten. Was dabei in seiner Seele vorgegangen sein könnte, wagt der Psychiater Luc Ciompi zu analysieren. Erst mit der Eröffnung des Centre Dürrenmatt Neuchâtel erkannte man, welches monumentale Doppelwerk Friedrich Dürrenmatt geschaffen hat. Direktorin Madeleine Betschart sagt: «Das Centre hat den Zweck, sein umfangreiches Bildwerk zu sammeln, zu erhalten und bekannt zu machen.» Sie will das Museum mit neuen Konzepten weiter öffnen, lokal, national und international, und die interdisziplinäre Forschung verstärken. Sein literarischer Nachlass hingegen befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv. Der Dürrenmatt-Spezialist Ulrich Weber arbeitet an einer Neuausgabe der Stoffe, des autobiografischen Werks, und schafft für Du einen Überblick. Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 – vor 25 Jahren. Er ist auch heute noch der meistübersetzte, meistgelesene und meistgespielte Schweizer Schriftsteller auf der Welt. «Weil man mich meistens falsch verstand, wurde ich berühmt», spöttelte Dürrenmatt. Er hatte Freude an der Übertreibung. Für einen Intellektuellen unüblich, nahm er sich nicht allzu ernst, war natürlich und bescheiden, nicht verkrampft, sondern spontan – ein Unikum. Mit seinem Humor hat er uns das Leben nähergebracht. Kurz nach seinem Tod entstand ein erstes Du, 25 Jahre später nun eine zweite Ausgabe zum Année Dürrenmatt. Damit möchten wir das Interesse für diese komplexe und fesselnde Persönlichkeit mit Weltgeltung weiterhin wachhalten. Wir bedanken uns bei der Charlotte Kerr Dürrenmatt-Stiftung für die Ermöglichung dieser Ausgabe und Madeleine Betschart für die Zusammenarbeit.